Die Entscheidung für Griechisch im Wahlpflichtunterricht fällt in der Regel mit einem Ja auf die folgenden beiden Fragen:
Methodisch vertieft das Fach Griechisch das, was unsere Schülerinnen und Schüler im Fach Latein - und gute Lernerfahrungen dort sind ein wichtiges Kriterium für die Entscheidung - bereits kennengelernt haben. Griechisch trainiert den intensiven Blick auf Sprachstrukturen aufgrund seines großen Formenreichtums, der es erlaubt, Beziehungen zwischen den einzelnen Satzgliedern viel genauer anzugeben als in jeder anderen europäischen Sprache. Der Fülle der Ausdrucksmöglichkeiten unterliegt dabei jedoch Gesetzmäßigkeiten, die sich erkennen und formulieren lassen. Mit wenigen grundlegenden Regeln lässt sich durch intelligentes Vermuten und Kombinieren viel Neues erschließen.
Ohne Sprache keine Kultur: Auch das haben die Griechen gewusst und in ihren Mythen, bildhaften Erzählungen über den Ursprung der Welt und den Sinn des Lebens, zum Ausdruck gebracht. Sie haben begriffen, dass Sprache die Basis für die Fähigkeit ist, sich mit anderen zu verständigen und gemeinsam sein Leben zu führen, Gesellschaften zu bilden und Staaten zu gründen. So sind sie zu den Begründern der Demokratie geworden. Im Gespräch hat Sokrates mit Fragen, mit endlosen Fragen, nach der Wahrheit gesucht. Gemeinsam mit ihm überprüfen wir die Dinge, denn „Selbst denken!“ heißt der einzige Grundsatz, den er, der sonst nur Fragen stellt, verkündet hat. Mythos, Geschichte und Philosophie sind die grundlegenden Inhaltsbereiche, die im Zentrum stehen. Wer sich dafür interessiert, findet im Griechischunterricht ein adäquates Lernangebot.
Kurz vor den Sommerferien machte ein Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf die Schwierigkeiten aufmerksam, die dem Griechischunterricht in Hessen drohen: Überlegungen zur Verschiebung von Lehrerstunden aus der Oberstufe in andere Bereiche bedrohen das Fortbestehen des Griechischunterrichts in Hessen. Die Streichung von Kursen in den sogenannten „kleinen Fächern“ nimmt billigend in Kauf, dass Profilfächer und Vertiefungsangebote, die nicht dem Mainstream entsprechen, verschwinden. Eine Entscheidung für den Griechischunterricht ist auch sehr deutlich ein Fingerzeig, Unterricht nicht zuerst oder gar ausschließlich unter den Aspekten des Nutzens und der unmittelbaren Anwendung zu betrachten und zu entwickeln. Genau dieser Gefahr unterliegen die ministeriellen Erwägungen, denen es zu begegnen gilt.
Dass es grundsätzlich auch anders geht, zeigt die Entwicklung an der Stiftsschule. Unterstützt vom Bistum Fulda als Schulträger können wir mit der dritten Fremdsprache nicht nur in der Mittelstufe ein attraktives Wahlpflichtangebot machen, sondern auch garantieren, dass das erworbene Wissen in Grund- und Leistungskursen der Oberstufe bis hin zur Abiturprüfung für die Bildung der eigenen Persönlichkeit eingesetzt werden kann.
Kein Grexit an der Stiftsschule - und auch kein Grexit in Griechenland. Als diese Frage die politische Situation in Europa bestimmte, waren auch wir vor Ort. Die Studienfahrt nach Griechenland fand in diesem Jahr zur Zeit des Referendums über Griechenlands Ausstieg aus dem Euro statt. In Olympia konnten wir miterleben, wie am Abend intensiv über das Abstimmungsergebnis diskutiert wurde. In Athen wurde uns besonders deutlich, welche Auswirkung politische Entscheidungen für das Leben des einzelnen haben können. Nützlichkeitserwägungen mit grundsätzlichen politischen Absichten abzuwägen bestimmt auch die gegenwärtige Europapolitik. Die Herausforderungen sind gewaltig, aber Europa reitet immer noch auf Griechenlands Zwei-Euro-Münze …
Thomas Martin /Ilse Seumer
© Stiftsschule St. Johann Amöneburg